«Meine Patienten sind zwischen 0 bis 102 Jahre alt.» Ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. Ulrich Schwantes, Facharzt für Allgemeinmedizin in Schwante

Als Ulrich Schwantes in 1998 nach Berlin zog, um gemeinsam mit seiner Kollegin den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Charité aufzubauen, wollte er unbedingt auch weiterhin als Hausarzt tätig sein. Zunächst eröffnete er eine Praxis in Berlin. Keine fünf Jahre später entschied er sich, die Türen in Berlin zu schließen und seine Praxis vor den Toren Berlins aufzumachen. In Schwante, nord-östlich von Berlin, sah Univ. Prof. Dr. med. Schwantes die Möglichkeit, seine Vorstellung vom Hausarztberuf umzusetzen.

Hausarzt bin ich seit 1980. Vor meinem Umzug nach Berlin wohnte und arbeitete ich auch in einer kleinstädtischen Gegend, in einem Vorort von Wuppertal. Berlin wurde mir dann einfach zu hektisch und eine Spur zu aggressiv. Landarzt zu sein entspricht eher meiner Vorstellung beruflicher Verwirklichung. Meiner Lebensgefährtin und mir war relativ schnell klar, dass wir nicht in der Stadt wohnen bleiben wollten und haben angefangen uns nach einer ländlichen Wohnumgebung um zu sehen. Als wir unseren Platz in Schwante gefunden hatten, wollten wir hier auch praktizieren. Die Tatsache, dass in Brandenburg Arztsitze frei sind, hat eine große Rolle gespielt. Wir wollten dorthin gehen wo wir gebraucht werden.

Natürlich spreche ich mit meinen Patienten nicht über Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte, Abrechnungsformalitäten oder Ähnliches. 
Doch eine 80jährige Patientin von mir hat in einer Radiosendung vom WDR zur Gesundheitsreform gesagt: «Das sind jetzt unsere Hausärzte, die gehören jetzt zu uns. Das finde ich ganz schlimm, dass ihnen das Leben so schwer gemacht wird. Wichtig ist, dass ich jetzt versorgt werde!» Uns hat das gezeigt, wie schnell wir angenommen worden sind und dass wir dazu gehören. Das ist übrigens gerade das Schöne an unserer Arbeit: die Dankbarkeit der Patienten. Die Menschen in und um Schwante haben uns sehr offen aufgenommen. Sie begegnen uns nicht mit unnötigen Forderungen, sie sind eher sorgsam. Die selbstverständlich dazugehörige Bereitschaft zu Hausbesuchen wird zum Beispiel nie ausgenutzt, eher im Gegenteil. So hat eine über 80jährige Patientin nach einem Schlaganfall wieder angefangen Fahrrad zu fahren, auch damit sie in die Praxis kommen kann. Wir haben ihr aber dennoch versichert, dass auch unser Weg zu ihr nicht zu weit ist. 

Auch wenn die aktuelle Diskussion manchmal den Anschein weckt: Fürsorge für Gesundheit ist nicht nur eine Dienstleistung, es ist mehr.

Als Hausarzt, insbesondere auf dem Land, ist man Teil des sozialen Gefüges, nur mit einer besonderen Aufgabe. Das gehört für mich zur Aufgabe des Hausarztes. In dieser Rolle ist man im wahrsten Sinn des Wortes Medicus, ein Begleiter. Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner für alle Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Religion. Die Arbeit ist sicherlich manchmal anstrengend, aber sie bleibt stets voller Befriedigung - die Begleitung der Patienten, ihre Dankbarkeit und die Abwechslung machen diesen Beruf zu einem sehr besonderen Beruf. Das ist ein wesentliches Argument, das ich auch meinen Studenten und Studentinnen mit auf den Weg gebe. Allein schon die Patientenstruktur sorgt für Abwechslung: mein jüngster Patient ist wenige Tage alt, meine älteste Patientin ist 102.

Nicht nur uns, auch unserer Praxis geht es sehr gut.
Die Praxis hat sich in den wenigen Jahren recht gut entwickelt. Die Gemeinschaftspraxis, die meine Lebenspartnerin und ich betreiben, hat nicht nur Patienten aus Schwante, sondern auch aus umliegenden Dörfern. Auch die Kooperation mit anderen Fachärzten und den klinischen Einrichtungen funktioniert sehr gut. Da wir insgesamt - im Vergleich zu Berlin - weniger Ärzte sind, hat sich schnell ein vertrautes Verhältnis untereinander heraus gebildet. Als ärztliches Netzwerk funktioniert das nicht nur für uns sondern eben auch für unsere Patienten hervorragend. Die Nähe schafft viele Möglichkeiten.

Danke der Nachfrage: auch privat geht es gut!
Wir sind rundherum zufrieden: wir haben ein schönes Grundstück, unmittelbar am Wald gelegen. Es ist genau die Art von Landleben, die wir uns gewünscht haben. Natürlich bin ich auch oft in Berlin, an der Universität. Die Verkehrsanbindung ist aber gut und für mich ist dieser Kontrast, "das Heimkommen", immer wieder schön.

Was ich angehenden Ärzten und Ärztinnen u.a. gerne sage, ist dass man als Hausarzt in der Lage sein muss, auf andere Menschen offen zu zu gehen.

Ich erlebe die Brandenburger als offen und gradlinig. Kolleginnen und Kollegen, die hier arbeiten wollen, sollten und dürfen es ebenfalls sein. Wer motiviert ist, kann hier am Ball bleiben. Dafür bekommt man in Brandenburg viel Unterstützung auf dem Weg in den Hausarztberuf. Die Partner, wie die Landesärztekammer oder die kassenärztliche Vereinigung bieten umfassende Hilfe während der Aus- und Weiterbildung an. In Brandenburg gibt es etwas Besonderes: die Weiterbildungsnetzwerke Hausärztliche Versorgung - das heißt, alle Stationen der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin über die gesamten 5 Jahre als Paket „aus einer Hand“ und auch mit einem entsprechenden Arbeitsvertrag. Informationen dazu können beim Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie(MASGF) angefordert werden (Nachricht an Pressestelle senden) Außerdem wird an Möglichkeiten für Studierende der Medizin gearbeitet, praktische Bestandteile des Studiums, also Praxistage, Famulaturen und das sog. praktische Jahr unter günstigen Bedingungen in Brandenburg zu absolvieren.

Die Zukunft sehe ich optimistisch.
Die Stimmung ist gut. Sicherlich wird sich im Rahmen der Gesundheitsreform einiges verändern. Kooperationen werden sich verfestigen, andere, auch neue juristische Formen ärztlicher Zusammenarbeit werden auftreten. Ich freue mich, dazu einen Beitrag leisten zu können.

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